Die Lichtenfelser SPD in den 1960er-Jahren
Die Probleme der Nachkriegszeit sind zu großen Teilen überwunden, die Menschen möchten sich im normalen Leben einrichten und ihre Position bestimmen.
Unsere Genossen, ebenso wie ihre Delegierten in höheren Gremien, wollen nicht mehr nur als „links“, „rot“ oder „nach Ballonmützenmanier“ wahrgenommen werden, sondern als die fortschrittliche Organisation gegenüber den Konservativen.
Unser Ortsverein sieht sich am Anfang des Jahres 1960 mit der Kommunalwahl und dem damit einhergehenden Wahlkampf konfrontiert.
Unser Ortsverein Anfang 1960
Wir finden Anfang 1960 unseren Ortsverein mit 91 Mitgliedern vor.
Der erste Vorsitzende ist der Ingenieur Erich Hanitzsch, der zweite Vorsitzende ist Gustav Schock. Er ist Eisenbahngewerkschafter, kandidiert stets nur für den zweiten Vorsitz und stellt sich selbst als „Geschäftsführer“ auf Wahlvorschlägen vor. Seine Hausmacht wird es ihm ermöglichen, den Posten des Dritten Bürgermeisters einzunehmen. Durch die 60er begleitet uns der Protokollführer Johann Schmittlein, ein Bahnbeamter und der Kassier Karl Strauß, ein Finanzangestellter. Nach der Stadt- und Kreistagswahl, bei der die SPD einen ihren fünf Stadträte verliert, brechen schwelende Konflikte auf. Der Posten des Dritten Bürgermeisters spielt eine wesentliche Rolle. Einige Genossen um Hanitzsch kritisieren Schock wegen seiner Aufrufe: „Eisenbahner wählt Gewerkschafter und Eisenbahner“. Schock macht Hanitzsch daraufhin Vorwürfe, vertrauliche Informationen an Bürgermeister Hauptmann weitergegeben zu haben. Nach einer weiteren Zuspitzung dieses Konflikts legt Hanitzsch den Vorsitz nieder. Es folgt eine tumultartige Mitgliederversammlung. Schließlich verlassen neun Mitglieder gemeinsam mit Hanitzsch die Partei.
Im Juni wird der Stukkateurmeister Edmund Konradi neuer erster Vorsitzender. Protokollführer Schmittlein vermerkt, wie harmonisch die Versammlung verlaufen sei.
Inhaltlich beschäftigt die Partei und auch unseren Kreisverband die Atomfrage. Der Parteitag hat kein Ja zur atomaren Aufrüstung ausgesprochen. Die Genossen stehen hinter Willy Brandt und dem Appell von Hannover, der seine Kandidatur zum Bundeskanzler begleitet.
In der Jahreshauptversammlung im Februar 1961 zählen wir 96 Genossen. Wieder einmal geht es um den Beitrag. Ein Mitglied in Arbeit sollte mindestens 1,20 DM bezahlen.
Michelau feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges, Schney sein 90-jähriges Jubiläum. Auch unser Ortsverein meint, man müsse sich mit der Vereinschronik befassen. Wenn auch keine Unterlagen vorhanden sind, so solle man doch versuchen, durch Befragen älterer Genossen zumindest den Tag der Gründung zu erforschen. Der Vorstand will das Jahr der Gründung festlegen.
Die vergessene Chronik
Im August gibt Genosse Gustav Schock bekannt, dass der Archivar Meyer sich mit unserer Geschichte befasst habe. Dabei habe er festgestellt, dass im Jahr 1919 zum ersten mal von einem Ortsverein Lichtenfels gesprochen wurde. Der Ortsvorstand ist sich einig, das Gründungsjahr soll auf 1919 festgelegt werden. Man will darauf warten, was die Nachforschungen zur Chronik ergeben. Allerdings taucht dieses Interesse an einer Chronik in den Unterlagen der nächsten Jahre nie wieder auf, man hat es wohl vergessen. Unser fünfzigjähriges Gründungsjubiläum feiern wir jedenfalls weder 1968, wie es tatsächlich wäre, noch 1969 wie der Vorstand es festlegen wollte.
Im Dezember freuen sich die Genossen über 400 Stimmen Zuwachs in Lichtenfels bei der Bundestagswahl.
Auch das Jahr 1962 beginnt positiv. Bei einer Versammlung in Mistelfeld treten spontan 13 Personen in die Partei ein. Wir haben jetzt hier 20 Mitglieder. Bei der Jahreshauptversammlung im März bleibt bei der Vorstandschaft alles beim alten.
Im November wird in der Einladung zu einer Großkundgebung die positive Stimmung in der Partei vor allem angesichts der Spiegelaffäre erwähnt. MdB Peter Nellen (SPD, früher CSU) will in dieser Veranstaltung den Wählern die Furcht nehmen, mit der SPD wählten sie den „weltanschaulichen Marxismus“. Er will die Gegensätze „Rot – Schwarz“ und „Rechts – Links“ so nicht mehr gelten lassen.
Das Jahr 63 fängt mit einem erfreulichen Ergebnis der Landtagswahl an. Gegenüber 58 haben wir 600 Stimmen mehr erreicht. Am 28. April wird der neue Landrat gewählt. Unsere Partei zeigt voll Stolz den „Rechtsanwalt“ Helmut Walther als Kandidaten auf ihrem Handzettel zur Wahl. Es ist die Freude zu spüren, dass wir nicht mehr nur Arbeiterpartei sind, sondern auch ein „Studierter“ sich zu uns bekennt und sich für unsere Ziele einsetzen will. Gegen ihn kandidiert für die CSU der Oberpostrat Schell.
„Der neue Landrat von Lichtenfels heißt Helmut Walther“. Mit 54 Prozent der Stimmen für Walther ist das Wunder geschehen, in der CSU-Hochburg Lichtenfels gibt’s einen SPD-Landrat. In unserer Heimatpresse wird gegrübelt, wie das geschehen konnte. Die „Neue Presse“ sieht den Unterschied in der Garde junger Wahlkampfredner ohne „Ballonmützenmethoden“, aber mit profundem Wissen über Kommunalpolitik, die die SPD aufbot. Die CSU holte den Publikumsmagneten von und zu Guttenberg, der jedoch durch seine Nähe zur bedrohlichen Krise in der CSU keine guten Dienste leistete.
Frauen treten in dieser Epoche gar nicht oder nur als Randfiguren auf. Auf der Einladung zur Mitgliederversammlung am 14. Juni 1963 finden wir zumindest den Satz: „Auch die Ehefrauen, Freunde und Bekannte sind herzlich willkommen.“
1964 im Februar wird bei der Jahreshauptversammlung erstmals ein Jugendvertreter Peter Dietz erwähnt.
Ein Ausflug nach Mistelfeld wird gemacht, Vorsitzender Konradi spendiert dazu 50 DM, auch eine Kapelle spielt auf. 1965 steht die Bundestagswahl an. MdB von Guttenberg (CSU) will die Zwergschule nicht aufgeben. Der SPD-Kandidat ist Karl Herold. Die Lichtenfelser SPD arbeitet den ganzen Sommer für den Wahlkampf. Waldemar von Knoeringen, MdL und Mitglied der SPD-Regierungsmannschaft, ist der prominenteste Redner, den die Genossen nach Lichtenfels holen können. Auch er kommt auf die Schulsituation in Bayern zu sprechen. Nur 29 Prozent der bayerischen Schüler können eine achtklassige Volksschule durchlaufen, in Hessen sind es dagegen 92 Prozent die eine neunklassige Regelschule besuchen.
Nach der Wahl trifft sich der Ortsvorstand. Man freut sich über die Zunahme an Zweitstimmen im Stadtgebiet, im Kreisgebiet gab’s mehr Erst- und Zweitstimmen. Aber so ganz unter sich, fragt man sich, ob sich der Wahleinsatz für die pechschwarzen Juradörfer überhaupt lohne.
Das Jahr 66 bringt wieder eine Stadtratswahl. Bei der Aufstellung der Kandidaten taucht eine Frau Klein auf, die einstimmig den Platz acht erhält, dann aber zurückzieht. Gustav Schock merkt an, dass sich nicht nur Arbeiter auf unserer Liste fänden, sondern alle Schichten der Gesellschaft. MdL Helmut Rothemund spricht in einer Wahlveranstaltung. Auch er betont, dass die Vorurteile gegenüber der SPD nicht mehr haltbar seien.
Der Ortsverein und die Frauen
Dass die Hälfte der Bevölkerung, nämlich die Frauen, auch auf unserer Liste nicht erscheint, fällt zu dieser Zeit kaum jemand auf. Wenn wir Werbespots oder Filme aus dieser Zeit anschauen, sehen wir, wie sehr sich auch die Frauen ausschließlich in der klassischen Rolle als Versorgerin des Mannes und der Familie sehen. Viele Schritte müssen noch gemacht werden, um diese Geisteshaltung aufzubrechen. Die 68er gehen den „Mief von 1000 Jahren“ an, aber erst die Frauenbewegung will Frauen und Männer als gleichberechtigte Menschen sehen. Erst nachdem genügend Frauen diese Schritte in ihren Köpfen vollzogen haben und Forderungen stellen, wird sich die Gesellschaft um die äußeren Bedingungen (etwa die Betreuung der Kinder, oder die Aufteilung der häuslichen Pflichten) kümmern müssen, um Frauen den Zugang zu den Positionen, die unser Leben bestimmen und regeln, zu ermöglichen. Inzwischen hat sich viel getan. Aber immer noch besteht genügend Handlungsbedarf.
Der Name Heinrich Morgenroth taucht bei den Kandidaten auf, er soll den nicht ganz aussichtslosen Platz sechs erhalten. Nach der Wahl finden wir den Bauingenieur Morgenroth auf dem zweiten Platz wieder und damit natürlich im Stadtrat. Wir haben vier Stadträte: Gustav Schock, Heinrich Morgenroth, Johann Schmittlein und Edmung Konradi. Die CSU hat nun 6,6 Prozent zugelegt und mit 45 Prozent doppelt so viele Stimmen wie wir.
Die Generalversammlung bringt keine wesentlichen Änderungen im Ortsverein, allerdings eine Frau, Else Eichhorn, ist jetzt Beisitzerin.
Im November stehen Landtags- und Bezirkstagswahlen an. MdL und Schneyer Bürgermeister Nikolaus Stamm tritt wieder an. Kandidat für den Bezirkstag ist Landrat Helmut Walther.
Ein großes Ereignis findet davor in Lichtenfels statt: Willy Brandt kommt.
„So etwas hat die Kreisstadt Lichtenfels noch nie erlebt. Der Schützenhaussaal war viel zu klein, um alle Besucher zu fassen.“ Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, kommt ins Schützenhaus, und alle stellen fest, die Veranstaltung ist einmalig. Die, die nicht mehr in den Saal passen, stehen teilweise im dichten Schneetreiben draußen und hören zu. Brandt betont, dass die Deutschen wissen, dass neben der Aussöhnung im Westen das beharrliche Bemühen um eine Normalisierung im Osten für dauerhaften Frieden nötig ist.
Bei der Landtagswahl gewinnt zwar die CSU-Kandidatin Waltraud Bundschuh, jedoch verliert die CSU im Landkreis 1354 Stimmen, die SPD gewinnt 3186 dazu. „Eingeweihte führen dies auf den Einfluss von Landrat Helmut Walther zurück.“ Leider muss auch gesagt werden, dass die NPD auf Anhieb 3213 Stimmen in unserem Landkreis bekommt. In Lichtenfels haben wir immerhin 300 Stimmen seit dem letztenmal dazugewonnen. Der CSU-Kandidat Walter Benecke zieht direkt in den Bezirkstag ein, Helmut Walther über die Liste. In einer Vorstandssitzung im Februar 1967 hören wir, dass die große Koalition begrüßt wird, weil es keinen anderen Ausweg mehr gegeben habe. Wieder steht die Jahreshauptversammlung an, Landrat Walther erläutert die Bedeutung des neuen Krankenhauses, das das modernste in Bayern sein werde.
Bei der Ortsvorstandssitzung im Mai müssen wir erfahren, dass der Mitgliederstand nur noch 78 beträgt.
Jetzt rückt das Volksbegehren über die zukünftige Gestaltung des Schulwesens in Bayern ins Blickfeld. Ein politischer Frühschoppen mit MdL Nikolaus Stamm findet statt, bei dem er berichtet, dass die SPD ein Volksbegehren für die christliche Gemeinschaftsschule als Regelschule starten wolle. Kreisrat Nist referiert, dass 1965 noch 3300 einklassige und 2600 zweiklassige Schulen existierten, in denen die Hälfte der bayerischen Schüler unterrichtet wurde.
Im März 1968 spricht MdB Herold bei einem politischen Frühschoppen auch über die Auflehnung vieler junger Leute gegen den Vietnamkrieg. Er begrüßt das politisch-moralische Engagement der jungen Generation in der Vietnam-Frage, meint aber, Deutschland und Europa sei auf ein freundschaftliches Verhältnis mit den USA angewiesen.
Im Mai wird Landrat Helmut Walther wieder für die Landratswahl als Kandidat aufgestellt.
Im Juni findet nochmals ein politischer Frühschoppen statt, bei dem über den nun anstehenden Volksentscheid für die zukünftige Schule informiert wird. Die CSU hat Angst, dass die SPD mit ihrem Volksbegehren Erfolg haben könnte. Deshalb wird ein Gesetzesentwurf des Landtags verfasst, in dem die vorrangige Trennung nach Konfessionen in den Klassen, wie sie die CSU ursprünglich wollte, nicht mehr vorkommt. Er wird mit den Stimmen von CSU und SPD beschlossen und von beiden Parteien zur Abstimmung empfohlen.
Im Oktober 1968 spricht MdB Herold zu den Genossen über die Sicherheit in unserem Land nach dem Einmarsch der Sowjets in der CSSR.
Am 16. Februar 1969 findet die Landratswahl statt. Die CSU hat wohl mit dem Gedanken an die Bezirkstagswahl Walter Bennecke aufgestellt. Unser Kandidat, Landrat Helmut Walther, siegt souverän. In Lichtenfels erreicht er 72,6 Prozent der Stimmen.
Bei der Jahreshauptversammlung wird es eine Änderung geben, weil erster Vorsitzender Edmund Konradi aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kandidieren will. Landrat Walther hat sich bereit erklärt, zu kandidieren. Angesichts der Bundestagswahl erhofft man sich neuen Schwung. Auch an eine Frau denkt man als Beisitzerin, ein Name findet sich allerdings noch nicht.
Für eine Wahlveranstaltung kann Staatssekretär Gerhard Jahn gewonnen werde. Günther Endres lädt als erster Vorsitzender dazu ein. Offensichtlich mußten die ursprünglichen Pläne zur Vorstandschaft doch noch geändert werden. Der erhoffte neue Schwung durch einen Ortsvorsitzenden Walther ist nicht zustande gekommen.
Am 19. November trifft sich der Ortsvorstand. Mit dem Ausgang der Wahl kann man nicht zufrieden sein. Es wurde beschlossen, dass anstelle einer Weihnachtsfeier die Genossen über 65 ein Geschenk im Wert von acht bis zehn Mark erhalten sollen. Vorsitzender Endres stiftet gleich 50 Mark.
So geht eine Dekade unseres Ortsvereins zu Ende.
Was haben wir in den Sechzigern bewirkt?
Die Veranstaltungen unseres Ortsvereins zogen sich wie ein roter Faden durch die 60er-Jahre mit der Botschaft: „Die SPD will für alle wählbar sein und sie hat die besseren und gerechteren Lösungen für die anstehenden Probleme.“ Auf Bundesebene hat das Erfolg gebracht, die Regierungsbeteiligung 66 und Willy Brandt als Bundeskanzler 69. Bei uns in Lichtenfels haben Stimmengewinne bei allen Wahlen dazu beigetragen. Wir haben einen sensationellen Erfolg mit der Wahl des SPD Kandidaten Helmut Walther eingefahren. Es gab einen jungen Stadtratskandidaten (Heinrich Morgenroth), der sofort erfolgreich war und auch die Nominierung eines Jugendvertreters zeigt, dass man mit der Zukunft gehen will.
Was werden die 70er für die Lichtenfelser Genossen bringen?
Autorin: Gudrun Rebhan